Ein Text, den Du zusammenkneifen musst, um ihn zu entziffern, kostet Dich Leser. Der Inhalt mag stark sein, doch die Schrift steht im Weg. Zu klein, zu eng, zu verspielt.
Lesbarkeit ist messbares Handwerk. Sie hängt an vier Stellschrauben: wie groß die Schrift ist, wie viel Luft zwischen den Zeilen steht, wie breit eine Zeile läuft und welche Schriftart Du wählst. Jede davon kannst Du beurteilen, ohne Designer zu werden.
Das Gute daran: Du musst die Technik nicht selbst bauen. Du musst nur erkennen, was gut lesbar ist, und es einfordern können.
Warum gute Lesbarkeit jeden betrifft
Wer jung ist und auf einem großen Monitor sitzt, liest fast alles mühelos. Das ist die Falle: Du beurteilst Deine Schrift unter Idealbedingungen, Deine Besucher tun das selten.
Ältere Augen brauchen größere Schrift. Schon ab etwa vierzig fällt das Lesen feiner, kleiner Buchstaben spürbar schwerer, und das trifft einen großen Teil Deiner Kundschaft. Menschen mit Legasthenie kommen mit klaren, ruhigen Schriften deutlich besser zurecht als mit engen oder verschnörkelten. Welche kognitiven Barrieren im Web dahinterstecken und wie Du sie senkst, zeigt Dir der eigene Beitrag dazu. Und unterwegs liest fast jeder schlechter: ein kleines Handy-Display, eine wackelige Bahnfahrt, Sonne auf dem Bildschirm.
Gute Lesbarkeit hilft also allen, längst nicht nur einer kleinen Gruppe. Sie ist eng verwandt mit ausreichendem Farbkontrast: Der Kontrast sorgt dafür, dass sich die Schrift abhebt, die Typografie dafür, dass ihre Form leicht zu erfassen ist. Erst beides zusammen ergibt einen Text, den jeder bequem liest.
Schriftgröße und Zeilenabstand
Die häufigste Schwäche ist zu kleine Schrift. Fließtext, der auf dem Bildschirm winzig wirkt, zwingt jeden zum Zoomen oder Näherrücken. Eine gute Faustregel ohne jede Technik: Lehn Dich auf normalen Sitzabstand zurück. Lässt sich der Haupttext dann noch entspannt lesen, stimmt die Größe. Musst Du Dich vorbeugen, ist sie zu klein.
Genauso wichtig ist der Abstand zwischen den Zeilen. Kleben die Zeilen aufeinander, springt das Auge beim Zeilenwechsel leicht in die falsche Zeile. Etwas Luft dazwischen führt den Blick sauber von Zeilenende zu Zeilenanfang. Du erkennst guten Abstand daran, dass der Text ruhig wirkt und nicht wie eine gedrängte Mauer.
Beides hängt zusammen: Größere Schrift braucht etwas mehr Zeilenabstand, sonst wirkt sie gedrängt. Eine professionell gebaute Seite stimmt das aufeinander ab. Hier geht es um die Grundgröße im Normalzustand. Dass sich diese Schrift zusätzlich vergrößern lassen muss, ohne dass das Layout bei starkem Zoom auseinanderbricht, ist ein eigenes Thema.
Die richtige Schrift wählen
Bei der Schriftart gilt eine einfache Regel: klar vor schmückend. Eine Schrift soll Buchstaben gut unterscheidbar machen, nicht beeindrucken. Verschnörkelte oder sehr dünne Schriften sehen auf dem Briefkopf vielleicht edel aus, im Fließtext bremsen sie jeden Leser.
Achte auf ein paar Merkmale guter Lesetext-Schriften. Buchstaben wie das kleine l, das große I und die Ziffer 1 sollten sich klar unterscheiden. Offene Formen helfen, etwa beim a und beim e. Und die Schrift sollte nicht zu eng laufen, damit einzelne Buchstaben nicht ineinander verschwimmen.
Für Menschen mit Legasthenie sind genau diese ruhigen, klaren Schriften am hilfreichsten. Eine teure „Spezialschrift" brauchst Du dafür nicht. Studien zeigen keinen klaren Vorteil solcher Sonderschriften gegenüber einer normalen, gut gemachten Schrift. Wichtiger als der Name der Schrift ist, dass sie schlicht und großzügig gesetzt ist.
Halt die Zahl der Schriften klein. Eine Schrift für Überschriften, eine für den Fließtext reicht fast immer. Je mehr verschiedene Schriften auf einer Seite konkurrieren, desto unruhiger wirkt sie und desto schwerer fällt das Lesen.
Zeilenlänge und Ausrichtung
Eine Zeile kann auch zu breit sein. Läuft der Text über die volle Bildschirmbreite, verliert das Auge am Zeilenende den Anschluss und findet den nächsten Zeilenanfang nur mühsam. Angenehm liest sich eine Spalte, die nach etwa siebzig bis achtzig Zeichen umbricht, also ungefähr nach zehn bis fünfzehn Wörtern. Du musst nicht zählen, das Gefühl reicht: Eine Zeile, für deren Ende Du den Kopf drehen musst, ist zu breit.
Bei der Ausrichtung hat sich linksbündiger Text bewährt. Er beginnt links immer an derselben Stelle, sodass das Auge nach jedem Zeilenwechsel sofort wieder andockt.
Blocksatz dagegen, bei dem beide Ränder bündig abschließen, ist im Web ein häufiger Fehler. Damit die Ränder gerade werden, dehnt er die Wortabstände unterschiedlich weit. Es entstehen sichtbare Lücken, manchmal richtige weiße Flüsse von oben nach unten durch den Absatz. Für Menschen mit Legasthenie ist das besonders störend. Im Druck mit feiner Silbentrennung kann Blocksatz funktionieren, im Web richtet er fast immer mehr Schaden als Ordnung an.
Lesbarkeit selbst testen
Du brauchst kein Werkzeug, um Deine Schrift zu beurteilen. Drei einfache Tests reichen für den Alltag, und jeder dauert Sekunden.
- Der Abstands-Test: Setz Dich auf normalen Sitzabstand vor den Bildschirm und lehn Dich zurück. Lässt sich der Fließtext entspannt lesen, stimmt die Größe. Musst Du näher ran, ist sie zu klein.
- Der Zeilen-Test: Lies einen längeren Absatz und achte auf die Zeilenwechsel. Findest Du den nächsten Zeilenanfang sofort, ist die Zeile angenehm. Suchst Du ihn, ist die Spalte zu breit oder der Zeilenabstand zu eng.
- Der Fremd-Geräte-Test: Ruf die Seite auf dem Smartphone auf, am besten bei Tageslicht am Fenster. Was auf Deinem Monitor sauber wirkt, zeigt hier zuerst seine Schwächen.
Mach diese Tests früh, am besten schon am ersten Entwurf. Typografie nachträglich umzubauen bedeutet, ein fertiges Design wieder aufzureißen. Am Anfang kostet die Prüfung Minuten.
Was Du von Deiner Agentur verlangst
Findest Du beim Testen etwas, das hakt, musst Du die Lösung nicht selbst kennen. Du musst nur klar benennen, was Dir auffällt: „Der Fließtext ist auf dem Handy zu klein" oder „Die Zeilen laufen zu breit, ich verliere beim Lesen den Anschluss". Das ist eine konkrete, prüfbare Ansage.
Verlange als Abnahme-Kriterium gut lesbaren Fließtext: ausreichend groß, mit Luft zwischen den Zeilen, in einer klaren Schrift, linksbündig und in einer Spalte, die nicht über den ganzen Bildschirm läuft. Kein Blocksatz im Fließtext. Wer sauber gestaltet, kennt diese Punkte und erfüllt sie ohne Diskussion.
Sprich das Thema früh an, am besten vor Projektbeginn. Lesbare Typografie von Anfang an einzuplanen kostet kaum Mehraufwand. Sie nachträglich zu reparieren, wenn das Layout schon steht, wird deutlich teurer.
Fazit
Lesbare Schrift verlangt von Dir kein Fachwissen. Sie hängt an vier Dingen, die Du alle mit bloßem Auge beurteilst: ausreichende Größe, Luft zwischen den Zeilen, eine klare Schrift und eine Spalte, die nicht zu breit läuft.
Nimm Dir die paar Minuten für die drei Tests an Deiner eigenen Seite. Findest Du dabei winzige Schrift, gedrängte Zeilen oder ausufernden Blocksatz, weißt Du jetzt, was Du ansprichst und einforderst. Wie sich dieser Baustein ins größere Bild fügt, zeigt der Überblick über die vier WCAG-Prinzipien.