Irgendwann landest Du auf einer offiziellen WCAG-Seite. Da steht eine Nummer, ein Buchstabe, ein Satz in steifem Behördendeutsch und darunter ein Wust aus Links. Die meisten klappen den Tab nach zehn Sekunden wieder zu und überlassen das Thema der Agentur.
Das musst Du nicht. Jedes einzelne Erfolgskriterium ist nach demselben Bauplan aufgebaut. Wenn Du diesen Bauplan einmal kennst, liest Du jede WCAG-Seite wie eine Bedienungsanleitung. Du brauchst dafür kein Code-Wissen, nur Geduld für vier wiederkehrende Bausteine.
Wie ein Erfolgskriterium nummeriert ist
Jedes WCAG-Erfolgskriterium trägt eine Nummer aus drei Teilen, etwa 1.4.3. Die erste Ziffer steht für eines der vier Prinzipien, hier für das erste Prinzip der Wahrnehmbarkeit. Die zweite Ziffer benennt die Richtlinie darunter, die dritte das konkrete Kriterium.
Diese Nummer ist Dein Anker. Sie ändert sich zwischen den WCAG-Versionen nicht, taucht in jedem Audit-Bericht auf und lässt sich in jede Suchmaschine kippen. Wer die vier Prinzipien dahinter noch einmal sauber nachlesen will, findet sie in den WCAG-Grundlagen samt Prinzipien und Stufen.
Was die Konformitätsstufe Dir verrät
Neben jedem Kriterium steht ein Buchstaben-Kürzel mit den Werten A, AA oder AAA. Es sagt Dir, wie verbindlich das Kriterium für Dich ist. A ist die absolute Basis, AA der Wert, auf den sich die meisten Gesetze in Europa beziehen, AAA das Wunschniveau für einzelne Inhalte.
Für die Praxis heißt das Kürzel vor allem eines. Trägt ein Kriterium AAA, darfst Du es bei begrenztem Budget hinten anstellen. Trägt es A oder AA, gehört es auf Deine Pflichtliste. Du sortierst also schon am Buchstaben, bevor Du den eigentlichen Text liest.
Der Kriterien-Text und seine Übersetzung
Der eigentliche Satz ist meist kurz und klingt trotzdem sperrig. Ein Beispiel dafür lautet „Die visuelle Darstellung von Text hat ein Kontrastverhältnis von mindestens 4,5 zu 1". Das ist die offizielle Normsprache, präzise und nüchtern formuliert.
Übersetzt fordert der Satz, dass sich Dein Text deutlich genug vom Hintergrund abhebt, damit ihn auch jemand mit schwachem Sehvermögen lesen kann. Diese Übersetzung leistest Du fast immer selbst, indem Du das Fachvokabular durch Alltagssprache ersetzt und fragst, wer von der Regel profitiert.
Bleib bei dieser Frage hängen, wenn ein Kriterium Dich verliert. Jedes Erfolgskriterium schützt eine bestimmte Gruppe vor einer bestimmten Hürde. Sobald Du weißt, welche, ergibt der steife Satz plötzlich Sinn.
Das Understanding-Dokument als Beipackzettel
Unter dem Kriterium verlinkt die WCAG ein „Understanding"-Dokument. Das ist der ausführliche Beipackzettel zur knappen Norm. Hier erklärt das Gremium in ganzen Sätzen, warum es das Kriterium gibt, was die Absicht dahinter ist und woran Du Erfolg oder Scheitern erkennst.
Für Betreiber ist dieser Teil oft wertvoller als der Normsatz selbst. Das Understanding-Dokument bringt Beispiele, beschreibt typische Stolperstellen und nennt Grenzfälle. Lies es überflogen, nicht Wort für Wort, und greif Dir die Beispiele heraus, die zu Deiner Seite passen.
Die Techniken sind Vorschläge
Ganz am Ende steht eine Liste sogenannter Techniken. Sie zeigen konkrete Wege, wie ein Kriterium erfüllt werden kann. Genau hier verlieren sich Einsteiger, weil die Techniken technisch werden und nach Pflichtprogramm aussehen.
Dieser Eindruck täuscht. Die Techniken sind ausdrücklich als Vorschläge gedacht und binden Dich an keinen festen Weg. Du erfüllst ein Kriterium auch auf einem Weg, der gar nicht in der Liste steht, solange das Ergebnis stimmt. Für Dich als Betreiber reicht es, die Techniken als Ideen-Pool zu verstehen, aus dem Deine Agentur das Passende wählt.
Ein Kriterium einmal durchgespielt
Nimm das Kriterium 2.4.4 mit dem Titel „Linkzweck (im Kontext)" und Stufe A. Schon die Nummer verrät das zweite Prinzip der Bedienbarkeit. Stufe A bedeutet absolute Basis, das Kriterium steht damit auf Deiner Pflichtliste.
Der Normsatz verlangt sinngemäß, dass aus einem Link hervorgeht, wohin er führt. Übersetzt fällt damit ein Link mit der Beschriftung „hier klicken" durch, weil niemand sieht, was sich dahinter verbirgt. Ein Screenreader liest oft nur die Linktexte einer Seite am Stück vor, und „hier, hier, hier" ergibt dann keinen Sinn.
Das Understanding-Dokument liefert dazu die Begründung und ein paar Beispiele für gute und schlechte Linktexte. Die Techniken zeigen mehrere Wege zum Ziel. Am Ende hast Du aus fünf Minuten Lesen eine klare Handlungsanweisung gewonnen, nach der Linktexte das Ziel beschreiben und nicht den Klick.
Was Du Deiner Agentur sagen kannst
Der eigentliche Gewinn dieser Lese-Fähigkeit ist Augenhöhe. Wenn Dir ein Audit „Verstoß gegen 1.4.3" meldet, weißt Du jetzt, dass es um Textkontrast auf Stufe AA geht, und kannst gezielt nachfragen, statt nur zu nicken.
Du kannst eine Prioritätenliste mitdenken, weil Du A und AA von AAA unterscheidest. Und Du erkennst, ob eine angebotene Lösung wirklich das Kriterium trifft. Welche Werkzeuge einzelne Kriterien automatisch für Dich abklopfen, zeigt der Beitrag zu den Werkzeugen, die einzelne Kriterien für Dich prüfen.
Fazit
Ein WCAG-Erfolgskriterium liest sich am Ende wie ein Formular mit immer gleichen Feldern. Nummer, Stufe, Normsatz, Understanding-Dokument und Techniken stehen jedes Mal an derselben Stelle. Liest Du diese fünf Felder der Reihe nach, verwandelt sich jede sperrige Norm-Seite in eine verständliche Anweisung.
Fang mit einem einzigen Kriterium an, das Deine Seite gerade betrifft. Sobald Du es einmal durchgespielt hast, verliert die ganze WCAG ihren Schrecken und wird zu dem Werkzeug, das sie sein soll.